STEYR. 5 Uhr ist eindeutig zu früh um an einem Samstag aufzustehen. Außerdem ist es stockdunkel und sicher noch arschkalt. Aber wenn ich mitgehen will, dann muss ich jetzt raus aus den Federn. Der Zug wartet nicht und er geht um 06.05 Uhr vom Steyrer Hauptbahnhof ...

Gut, dass ich schon alles gestern Abend zusammengepackt habe. Noch schnell einen Tee zum Mitnehmen und etwas Jause, dann mach ich mich auf den Weg. 20 Minuten brauch ich bis zum Bahnhof. Es ist Anfang Dezember und noch stockdunkel. Nebel hängt tief über der Stadt, damit ist die Stadt am Zusammenfluss von Enns und Steyr um diese Jahreszeit "gesegnet". Dennoch ist es irgendwie friedlich, die Laternen verbreiten ein stimmiges Licht ...

Es war nicht meine Idee, sich an einem freien Wochenendsamtstag so früh auf den Weg zu machen. Ein Arbeitskollege hatte mich überredet doch einmal mitzugehen. Aber das Weichei hat sich ja am Vortag Blasen an den Füssen geholt und mir kurzfristig abgesagt. Jetzt geh ich alleine mit – beim Christkindlmarsch vom Pichlingersee nach Steyr-Christkindl. Dieser Marsch ist schon einige Jahre Tradition und wird jedes Jahr mit neuen Routen durchgeführt. Aber um mitzugehen, muss ich den Zug erreichen. Jetzt stehe ich an der Tafel für die abfahrenden Züge und versuche herauszufinden, welcher Zug am Bahnhof Pichling hält. Noch gestern habe ich die Fahrpläne studiert und da war eindeutig, dass der Zug um 06.05 Uhr in Pichling anhalten würde, aber jetzt sah die Anzeigentafel irgendwie anders aus. Unsicherheit macht sich in mir breit, da nähert sich eine junge Frau, sie stellt sich neben mich und ich frage schnell ob sie eventuell wüsste ob der Zug in Pichling hält ...

"Ja er hält", gibt sie bereitwillig Auskunft, sie selbst müsse zur Arbeit nach Linz. Der Zug fährt pünktlich ein, ich steige ein und ich suche mir einen Platz. Mir gegenüber sitzt eine ältere Dame.Wir passieren St.Valentin. Hier sollte der Zug anhalten, aber er fährt durch. Da stimmt was nicht, denke ich und weise die ältere Dame mir gegenüber darauf hin. Nein, der Zug hält nicht in St.Valentin, klärt sie mich auf, das ist ein Direktzug nach Linz. Jetzt wird mir doch etwas heiß, ich muss nicht nach Linz, ich muss in Pichling aussteigen! Die nette Dame aktiviert ihr Handy und schaut auf eine Fahrplan-App der ÖBB. Der Zug hält nicht Pichling , aber in Ebelsberg, gibt sie mir bescheid. Mein Zeitplan bricht nun zusammen. Ich muss um 07.30 Uhr am Pichlingersee sein. Ob es denn von Ebelsberg eine Verbindung nach Pichling gäbe, frage ich nach. Wieder aktiviert die Dame ihr Handy und teilt mir mit, dass es eine Busverbindung gäbe. So dankbar ich für ihre Auskünfte bin, mich stürzen sie in ärgste Bedrängnis. Zum einen bereute ich erstmals, dass ich mich noch nie für so ein Handydings interessiert hatte,, geschweige denn eines zu besitzen, zum anderen musste ich mir schleunigst etwas einfallen lassen um noch rechtzeitig bei der Gruppe zu sein ...

Tatsächlich hielt der Zug in Ebelsberg an. Schnell stieg ist aus und hastete zur Bushaltestelle. Kaum dort angekommen, fuhr auch schon der Bus vor. Die Türe beim Fahrer vorne öffnete sich und schnell fragte ich beim Busfahrer nach ob er nach Pichling fahre. Ja, sagte er, aber ich bräuchte ein Ticktet vom Automaten., der wäre auf der anderen Strassenseite. Er selbst konnte keine Tickets im Bus ausstellen. Ich müsste aber um 07.30 Uhr in Pichling sein, erklärte ich dem Busfahrer, und es war wohl mein verzweifelter Gesichtsausdruck, der sein Herz erweichte. !“Steigens ein“ sagte er deshalb „Sie können das Ticket auch noch an der Haltestation lösen“ bot er an.

Keine Menschenseele befand sich noch im Bus und so fuhren der Busfahrer und ich die Strecke ganz alleine zum Pichlingersee. Ich erzählte ihm von meinem Vorhaben, vom Pichlingersee nach Steyr Christkindl gehen zu wollen und, dass eine Gruppe Gleichgesinnter am Pichlingersee warten würde. So verging die Fahrt sehr kurzweilig, aber es stand bereits fest, dass ich nicht rechtzeitig am Pichlingersee ankommen würde. Die Fahrt endete kurz nach 07.30 Uhr am Pichlingersee, dort wo sich im Sommer viele Badegäste einfinden, herrschte morgendliche Stille. Rasch stieg ich aus, löste wie vereinbart mein Ticket und winkte dem Busfahrer zum Abschied. Etwas verloren stand ich nun da. Keine Gruppe weit und breit ...

Wohin jetzt? Kein Handy um jemandem bescheid geben zu können. Alles was ich wusste war, dass vom Pichlingersee in Richtung St.Florian marschiert wurde. Aber in welcher Richtung befand sich St. Florian? Und um diese Uhrzeit war auch kein Mensch am See den ich fragen konnte. Immer noch lag Nebel über dem Land, aber im morgendlichen Dämmerlicht sah ich wie sich zwei Gestalten näherten, ich ging auf diese zu und sah im Näherkommen, dass es zwei Joggerinnen sind . Diese hielt ich an, und fragte sie ob sie nicht eine Gruppe Wanderer wahrgenommen hätten. Sie kamen vom anderen Ende des Sees und hatten tatsächlich eine Gruppe gesehen, dies wäre jedoch schon eine Weile her,. Wohin ich denn gehen wollte, wollten sie wissen. Nach St. Florian müsste ich, gab ich Auskunft. Das wäre auch ihr Ziel, allerdings mit dem Auto, sie würden mich bis dorthin führen wo sie das Auto abgestellt hätten und da wäre dann auch die Strasse nach St. Florian. So trabte ich mit den beiden Damen los und sie wiesen mir den Weg in Richtung des Stiftes St. Florian.

Eine halbe Stunde nachdem ich mich von den beiden Damen verabschiedet hatte nahm ich eine Menschengruppe vor mir wahr auf die ich kurz vor dem Stift St.Florian aufschloss. Ich hatte endlich meine Wandergruppe erreicht und wurde freudig begrüsst . Im Stift angekommen wurden wir vom Abt mit einer Begrüßungsrede und vom Verpflegungswagen mit Schaumrollen und heißem Tee mit Rum willkommen geheißen. Langsam wich der Nebel und der Tag wurde zusehends sonniger. So marschierten wir Kilometer um Kilometer. In den Rastpausen gab es immer wieder Tee mit reichlich Rum, und je länger der Tag voranschritt , war es wohl mehr Rum als Tee. Nach knapp sieben Stunden Gehzeit und etlichen Teepausen erreichten wir unser Ziel, die Christkindlkirche in Steyr.

Es mag an den rumigen Teepausen gelegen haben oder einfach nur am gemeinschaftlichen Gehen und Plaudern, der Tag verging so schnell und beim Einmarsch in die Kirche zu Christkindl herrschte wieder Dämmerung, aber diesmal erhellt vom warmen Kerzenschein im Kircheninneren. Der Tag endete mit einer wunderbaren Lesung und weihnachtlichen Liedern und vergessen war das frühe Aufstehen und die Aufregungen der Abreise zum Christkindlmarsch.

Am Weihnachtstag fand sich ein kleines Päckchen unter dem Christbaum – das Christkind hatte mir mein erstes Handy geschenkt!

von marion.mondsee