STEYR. Da lag sie. Die vielen Jahre hatten ihrer Schönheit nichts anhaben können. Sie war immer sorgfältig behandelt worden und es fehlte bis heute kein einziges glitzerndes Steinchen an ihrer golden schimmernden und mit orientalisch anmuteten Verzierungen versehenen Außenhülle ...

Noch lag sie in weiches Seidenpapier eingewickelt in ihrer Schachtel und wartete - wie alle Jahre - auf ihren Auftritt. 26 Jahre lang zierte sie Jahr für Jahr in der Weihnachtszeit den Weihnachtsbaum des Ehepaares. Es waren viele verschiedene Bäume gewesen, die sie zieren durfte. Von Fichte bis Blau-oder Nordmanntanne war alles dabei gewesen. Auch die Größen variierten von groß bis klein. Am schönsten war die drei Meter hohe Fichte im dem großen stilvoll eingerichteten Wohnzimmer gewesen, da kam sie in luftiger Höhe wunderbar zur Geltung und übertrumpfte mit ihrer glitzernden Schönheit aus Glas alle anderen der zahlreichen Christbaumkugeln.

Doch seit dem letzten Jahr war sie nicht wie die vielen Jahren zuvor zu ihrem glänzenden Auftritt am Weihnachtsbaum gekommen. Die Frau war aus dem großen Haus ausgezogen und das erste Weihnachten in der kleinen Wohnung war noch vom Umzug geprägt gewesen. Für einen Baum hatte die Frau keinen geeigneten Platz unter den vielen Umzugskartons gefunden und die wenigen Möbel, mussten erst ihren Platz finden. So hatte die Frau die Christbaumkugeln gemeinsam mit einer Lichterkette in einen großen Glaszylinder geschlichtet, obenauf die wunderschöne Christbaumkugel aus Glas und diesen anstatt des Christbaumes im Wohnzimmer aufgestellt. Dort strahlten sie während der Weihnachtszeit nun in Form einer Art Stehlampe sowie die Lichterkette eingeschaltet wurde und erhellten auf diese Art die Weihnachtstage der Frau, die nun alleine in der Wohnung lebte.

Nun war es wieder einige Tage vor Weihnachten. Die Frau nahm die Christbaumkugel aus Glas vorsichtig aus dem Seidenpapier. Sie hatte sich seit dem letzten Weihnachten verändert, sah wieder glücklicher aus. Die Wohnung war nun fertig eingerichtet und wirkte trotz der einfachen Möbel gemütlich. Doch wie im letzten Jahr fehlte auch diesmal der Weihnachtsbaum, stattdessen war wieder ein mit Christbaumkugeln gefüllter Glaszylinder samt Lichterkette aufgestellt. „Du bekommst heuer einen besonderen Platz.“ sagte die Frau und trug die Christbaumkugel zu einem vorbereiteten weihnachtlichen Gesteck. An diesem befestigte die Frau die schöne Kugel und hängte dieses an die ihre Wohnungstüre. „So kann ich dich sofort wenn ich heimkomme sehen und alle anderen Bewohner des Hauses auch, heuer wird es wieder ein fröhliches Weihnachtsfest“ sagte die Frau und das Lächeln auf ihrem Gesicht entschädigte die Christbaumkugel dafür, dass sie auch heuer wieder keinen Weihnachtsbaum schmücken durfte.

Noch während sie den Weihnachtsschmuck an der Wohnungstüre befestigte, ging die Wohnungstüre gegenüber auf. Ein Mann trat auf die Frau zu und bewunderte den schönen Türschmuck. „Wunderschön sieht das aus, ich hole dich dann in einer Stunde zu unserer Weihnachtsfeier ab“ sagte er, und die Frau strahlte vor Freude und erneut erhellte ein Lächeln das Gesicht der Frau. Nun war klar, warum die Frau so glücklich wirkte und dies mit Ihrem glitzernden Türschmuck auch allen zeigen wollte. Ein glückliches Lachen erfüllte das Stiegenhaus, in enger Umarmung kehrten der Mann und die Frau spät in der Nacht von der verabredeten Weihnachtsfeier zurück. Die Christbaumkugel strahlte im Licht des Stiegenhauses an der Wohnungstüre der Frau in die nun beide eng umschlungen eintraten. Erst in den frühen Morgenstunden kehrte der Mann in seine eigene Wohnung zurück. Es war der Tag vor Weihnachten und es war sehr ruhig im Haus. Jeder Bewohner bereitete sich auf seine Weise auf den Weihnachtstag vor.

Am Weihnachtstag herrschte mehr Trubel im Haus. Noch in letzter Sekunde gekaufte Weihnachtsbäume wurden in die Wohnungen getragen, Weihnachtsschmuck oder ein guter Tropfen Wein aus dem Keller geholt. Der Duft von Gebratenem und Gebackenem verbreitete sich im Stiegenhaus. Nur in den Wohnungen der Frau und dem Mann gegenüber blieb es ruhig. Erst am frühen Nachmittag öffnete der Mann seine Wohnungstüre und trat warm gekleidet ins Stiegenhaus, seinem festen Schuhwerk nach zu schließen wollte er noch einen Spaziergang unternehmen. Doch er holte die Frau von gegenüber nicht ab und verließ ohne sie das Haus, kurz darauf kam auch die Frau aus ihrer Wohnung, ebenfalls für einen Spaziergang im Freien angezogen. Sie wirkte bedrückt und etwas traurig. Sie blickte auf ihren Türschmuck und auf ihren Lippen zeigte sich ein schwaches Lächeln. Einige Stunden später kamen jedoch die Frau und der Mann gemeinsam zurück. Offenbar hatten sie sich doch noch getroffen und als beide vor ihren Wohnungstüren ankamen, lud der Mann die Frau ein, ihn am späteren Abend noch zu besuchen, er müsse noch für seine Söhne ein Fotobuch als Weihnachtsgeschenk vorbereiten, die jedoch den Weihnachtstag mit ihrer Mutter verbrachten und erst am nächsten Tag zu ihm zu Besuch kamen. Danach hätte er noch Zeit mit ihr am Weihnachtsabend ein Glas Wein zu trinken.

Die Einladung freute die Frau sichtlich sehr und das strahlende Lächeln war in ihr Gesicht zurückgekehrt . Sie hatte sich für den Weihnachtsabend schön gemacht und wartete nun in ihrem leuchtenden roten Kleid auf das Öffnen der Nachbarstüre. Der Mann bat sie hinein und im Stiegenhaus erlosch kurz darauf das Licht. Nach etwa einer Stunde öffnete sich die Wohnungstüre des Mannes und im Lichtkegel der geöffneten Wohnungstüre erschien die Frau in ihrem roten Kleid. Bleich und ohne Verabschiedung betrat sie den Flur des Stiegenhauses und ging langsam auf ihre Wohnungstüre zu. Hinter ihr schloss sich die Wohnungstüre des Mannes und durch den Bewegungsmelder ging das Licht im Stiegenhaus an. Vor ihre Wohnungstüre angekommen schloss sie diese auf und nahm mit regungslosem Gesicht den glitzernden Weihnachtsschmuck von der Türe. Erst als sich die Türe hinter ihr schloss, sank sie mit einem Schluchzen zu Boden. Fest umklammerten ihre Hände den zerbrechlichen Türschmuck. „Warum tut er mir das an, warum heute, am Weihnachtstag, er wusste doch wie sehr ich ihn ...“ Ein Tränenschwall unterbrach ihr Selbstgespräch. Von Kummer und Schmerz geschüttelt versuchte sie wieder aufzustehen. Ununterbrochen liefen Tränen ihr Gesicht entlang und als sie endlich wieder auf ihren Beinen stand, entfiel ihren zitternden Händen das Türgesteck mit der wunderschönen glitzernden Christbaumkugel. In hunderte Glassplitter zerbarst die schöne Kugel und mit ihr der Glanz und die Hoffnung dieses Weihnachtsfestes.

2020
So traurig dieser Weihnachtstag für die Frau geendet hat, so kommen auch für sie wieder andere Tage und Weihnachtstage . Gerade heuer wird das Weihnachtsfest für viele nicht so verlaufen wie in den Jahren zuvor. Wir können nicht mit allen mit denen wir es wollen zusammenkommen um zu feiern. So müssen wir auch das Weihnachtsfest den Einschränkungen durch die Pandemie anpassen. Aber egal wie es sein wird, erfreuen wir uns doch an dem was möglich ist!

Schöne und gesunde Weihnachten wünscht Ihnen marion.mondsee