STEYR/NETZ. Wie oft haben Sie im letzten Jahr gehört, dass es verrückte Zeiten sind, in denen wir gerade leben? Genau, das ging uns wohl allen so. Besonders verrückt scheinen die Zeiten in den sozialen Medien zu sein. Dort bekommt man schnell den Eindruck einer tief gespaltenen Gesellschaft. Schauen wir genauer hin …

Auf der einen Seite des virtuellen gesellschaftlichen Grabens finden wir die Befürworter der Corona-Maßnahmen, die von den Maßnahmengegnern gerne als „Schafe“ oder „Schlafschafe“ verunglimpft werden. Wohlwollend unterstützt von den „Mainstream-Medien“, der „Lügenpresse“ und den „Drecksblättern“, die – so meinen die Maßnahmengegner zu wissen – von der Regierung (und womöglich noch viel mächtigeren Akteuren im Hintergrund) für ihre Propaganda vereinnahmt und bezahlt werden.

Auf der anderen Seite stehen die Maßnahmengegner, von den Befürwortern oftmals pauschal als „Covidioten“, „Coronaleugner“, „Querdenker“ und „Verschwörungstheoretiker“ hingestellt. Natürlich finden sich auf dieser Seite des Grabens auch handfeste Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker, es ist jedoch die Pauschalverurteilung, die - verständlicher Weise - vielen sauer aufstößt. Unterwandert und instrumentalisiert wird diese Gruppe oftmals von rechten und rechtsextremen Elementen, eine übliche Vorgehensweise von Populisten aller Schattierungen. Flankiert werden die Maßnahmengegner von den sogenannten „freien“ oder „alternativen“ Medien, die ihrerseits den „Mainstream- oder Systemmedien“ jegliche Unabhängigkeit absprechen.

Bildquelle: Screenshot ORF.

Soviel zur Ausgangssituation. „A blede G’schicht“ sagt man bei uns …

Mit tatsächlichen Coronaleugnern und Verschwörungstheoretikern wird sich dieser Beitrag nicht beschäftigen. Für Leute, die ernsthaft glauben das Virus würde nicht existieren, Bill Gates wolle die Menschheit dezimieren und sie mit Computerchips impfen, oder unsere Regierung würde einen Völkermord planen, nehmen wir uns hier keine Zeit. Echte Verschwörungstheoretiker sind faktenresistent, eine Diskussion wäre reine Zeitverschwendung.

Während im „Land der Berge“ die Infektionszahlen wieder bedenklich steigen, gibt es nach wie vor viele, die in den sozialen Medien gegen die Regierung Kurz wettern, ja sogar die „Totengräber der Nation“ am Werke sehen.

Diesen Teil der Gesellschaft sollte man ernst nehmen. Ihre teils hysterisch wirkenden Reaktionen mögen von Verschwörungstheorien und Falschinformation beeinflusst sein, sie basieren jedoch auf nachvollziehbarer Angst und Wut. Jobverlust oder drohender Jobverlust sowie die damit verbundenen finanziellen Verwerfungen, stellen für die meisten von uns Probleme dar, die einem den Schlaf rauben können, egal ob Querdenker oder Schlafschaf. Gesellen sich dann noch Homeoffice und Homeschooling dazu, liegen die Nerven schnell blank, das ist kein Wunder. Wenn dann die Regierung noch fortwährend in Korruptionsermittlungen verstrickt ist, wird es nicht leichter für uns, ihr in diesen herausfordernden Zeiten weiterhin das Vertrauen zu schenken.

„Kurz muss weg?“ - die Maßnahmen als Gratwanderung
Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, sind sowohl wirtschaftlich als auch politisch und moralisch eine Gratwanderung mit hohem Einsatz, das sollte klar sein. Der wirtschaftliche Schaden wird am Ende enorm sein und ist in seinem vollen Ausmaß heute kaum abschätzbar. Auch den Verfassungsrechtlern wird in der Aufarbeitung der Pandemie kaum langweilig werden. Dennoch schwer nachvollziehbar erscheinen die Gedankengänge hinter der Kampagne bzw. dem Slogan „Kurz muss weg“.

Angenommen die Koalition würde an den aktuellen Aufgaben zerbrechen: wie geht’s dann weiter? Der SPÖ - immerhin zweitstärkste Partei - sind die aktuellen Maßnahmen eher zu milde. Eine mehrheitsfähige Regierung, die eine 180-Grad-Wendung in der Corona-Strategie hinlegt und die Maßnahmen herunterfährt, ist praktisch ausgeschlossen.

Spaziergänger werden weniger, Anzeigen werden mehr
Bei der Diskussion in den sozialen Netzwerken, sind wir an einem Punkt angekommen, an dem sich selbst an einfachster Berichterstattung ein hitziger Diskurs entzündet. Bestes Beispiel dafür ist ein Beitrag, den e-steyr am Montag, 22. Feb. 2021 veröffentlichte, in dem es um den sonntäglichen „Spaziergang“ in Steyr am 21. Feb. 2021 ging. Der Inhalt dieses Beitrags war reduziert auf wenige Fakten, nämlich die Anzahl der Teilnehmer und die Anzahl der Anzeigen, die erstattet wurden. Beide Zahlen wurden der e-steyr Redaktion von der Steyrer Polizei auf Nachfrage genannt. Aus diesen Zahlen ist klar ersichtlich, dass die Zahl der „Spaziergänger“ sinkt, jedoch im Vergleich zu früheren Spaziergängen wesentlich mehr Anzeigen erstattet wurden. Die Schlagzeile lautete daher: „Spaziergänger werden weniger, Anzeigen werden mehr“. Sorry - einfacher und faktenbasierter geht nicht.

Einer unserer Leser kritisiert diese Schlagzeile wie folgt und lässt uns sprachlos zurück:

Fakten und deren Anerkennung als Basis
Klar ist, dass ohne die Anerkennung von Fakten eine sinnvolle Diskussion nur schwer möglich ist. Fakten sind etwas, worüber man nicht diskutieren kann. Wenn also ein freier Journalist mit einem Handzähler 147 Teilnehmer zählt, die Polizei 174 und das Regionalfernsehen mit 300 fast doppelt so viele, dann wird jedem der bereit ist Fakten anzuerkennen rasch klar sein, welche dieser Zahlen der Wahrheit wohl am nächsten kommt. An derart einfacher faktenbasierter Information entzündet sich dann wieder und wieder die Diskussion, in der es aber nicht mehr um die genannten Zahlen geht, sondern um gefährdete Grundrechte, die drohende Diktatur und schlimmeres.

Konstruktive Kritik – was ist das?
Als Journalist versucht man momentan so gut es geht, faktenbasierte und gut überlegte Meldungen zu publizieren, um der Informationspflicht nachkommen zu können – und nein, diese Informationspflicht wurde nicht erst wegen Corona erfunden, die hat es auch vorher schon gegeben. Auch wir haben also im Lauf der letzten Monate sowohl versucht die eine als auch die andere Seite der Medaille beleuchten zu können. Es wurden Interviews mit Betroffenen geführt, die unter den wirtschaftlichen Einschränkungen gelitten haben und noch immer leiden, es wurden regelmäßig die offiziellen Zahlen veröffentlicht und Berichterstattungen über verschiedenste Ereignisse, die das Corona-Thema betreffen, verfasst. Trotzdem erreichen uns immer wieder Nachrichten und Kommentare von erzürnten Lesern (oder auch Nicht-Mehr-Lesern), die meinen, es würde nicht allen eine Plattform geboten werden und wir würden nur Schwachsinn oder falsche Informationen veröffentlichen.

Dazu eine kurze Anmerkung: es gibt die Möglichkeit, Leserbriefe zu schreiben und diese der Redaktion zukommen zu lassen. Hierfür gibt es eine E-Mail-Adresse (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), an die man neben Hassbotschaften auch konstruktive Kritik und Leserbriefe schicken kann. Wenn Sie also das Gefühl haben, etwas zu einem Thema sagen zu wollen, können Sie das jederzeit gerne tun. Vielleicht wäre es manchmal ratsam, die angesammelte Wut der letzten Monate in einen Leserbrief zu verpacken, anstatt in hasserfüllte Kommentare.

Hass und Wut im Netz
Wenn wir nun schon bei hasserfüllten Kommentaren sind: die sind momentan unter beinahe jedem Posting zu finden, das sich in irgendeiner Art und Weise mit der Pandemie beschäftigt. Es scheint bei diesem Thema keinen Mittelweg zu geben – es gibt nur pro oder contra, für oder gegen Corona und die Maßnahmen. Konstruktive Kritik ist sehr selten geworden und wird in der Berichterstattung oder den Kommentaren auch nur eine kleine Vorahnung einer eventuellen Meinungsrichtung erspäht, wird seitens der gegnerischen Meinung sofort laut kritisiert, oft auch beleidigt. Menschen werden immer mehr darauf reduziert, welcher „Bewegung“ sie angehören, als naiv, dumm, ungebildet oder primitiv abgestempelt. Diese enorme Wut innerhalb der Gesellschaft kommt nicht nur von dem Stofffetzen vor Mund und Nase.

Die Einschränkungen betreffen uns alle, auch, wenn das nicht immer im gleichen Ausmaß der Fall ist – nicht jeder von uns hat dieselben wirtschaftlichen Einbußen und auch nicht dieselbe finanzielle Ausgangslage. Trotzdem sitzen wir alle im selben Boot und sollten uns wieder ein bisschen öfter daran erinnern, dass wir alle nach ein und demselben streben: Normalität. Diese wird allerdings sicher nicht eher eintreten, indem man sich gegenseitig - unter der doch relativ schützend scheinenden Anonymität des Internets - beleidigt und beschimpft.

Sind unsere Grundrechte in Gefahr?
Natürlich kann man auch bei den eben genannten Hassbotschaften und beleidigenden Kommentaren wieder einhaken und auf Grundrechte wie Meinungsfreiheit oder ähnliches plädieren, allerdings haben Beleidigungen nichts mit diesen Grundrechten zu tun. Apropos Grundrechte:

Heribert Prantl ist gelernter Richter und Staatsanwalt sowie Honorarprofessor an der Rechtsfakultät der Universität Bielefeld. In einem sehr guten Artikel im Standard schrieb er unlängst: „Wenn Politiker beim Wort "Grundrechte" immer öfter allergisch reagieren, ist das kein Grund zurückzuweichen, im Gegenteil: Das ist der beste Grund für Journalistinnen und Journalisten, sie umso größer zu schreiben. Das gilt auch dann, wenn Menschen auf Demos und in Diskussionen schiefe Vergleiche ziehen und die Diktatur schon um die Ecke biegen sehen. Das tut sie nicht; der Eifer und das Gefühl der Protestierer, gegen einen mächtigen Mainstream zu stehen, führt bisweilen zu geschichtsblinder Übertreibung. Das ist nicht gut und schadet dem Protest.“

Dem haben wir nichts hinzuzufügen.

Melanie Gelsinger und Peter Freyka für e-steyr.com.