GASTKOMMENTAR. Vergangene Woche habe ich an einer Demonstration teilgenommen. Sie begann in der Steinfeldstraße, weiter ging es in das Gelände des Steyrer Spitals. Ein paar hundert Leute werden es wohl gewesen sein, alleine an diesem Tag ...

Der Demonstrationszug führte bis in den Festsaal des Krankenhauses, am Ende der Kundgebung gab es eine Spritze in den Oberarm, von einer freundlichen Ärztin. Die Stimmung unter den Teilnehmern war fast ein wenig festlich. Vermutlich deswegen, weil die Geimpften wissen, im Falle einer Infektion eher nicht auf einer Intensivstation zu landen. Damit tun sie nicht nur sich einen Gefallen, sondern auch Unfallopfern, die plötzlich ein Intensivbett benötigen und Krebskranken, die auf eine Operation warten. Denen nehmen die Geimpften - im Unterschied zu vielen ungeimpften Corona-Patienten auf der Intensivstation – kaum ein Bett weg.

Die Teilnehmer dieser Demonstrationen der Vernunft sind nicht laut, sie brüllen keine Parolen, sie rühren keine Trommel und sie bringen keine Transparente und Österreich-Fahnen mit. Dabei hätten sie allen Grund, ihrem Ärger Luft zu machen: Sie müssen einen Lockdown mitmachen, der nicht nötig wäre, wenn sich in Österreich bislang ausreichend Leute hätten impfen lassen.

Aber es gibt auch andere Demos in diesen Tagen. Die Maßnahmenkritiker und Impfgegner zelebrieren ihren Widerstand auf der Straße laut und ungeniert just gegen jene Zustände, die auf ihrem Mist gewachsen sind. Die Bilder von den Demos werden uns frei Haus geliefert, von eifrigen Facebook-Reportern und Nischensendern mit dem Fokus auf Freaks fernab aller Fakten. Mancher Kommentator entpuppt sich dabei als richtige „Dreckschleider“ von Falschnachrichten. Die Bilder und Parolen, die wir sehen und hören, sollten wir ein wenig genauer unter die Lupe nehmen.

Die erste Diktatur mit freundlicher Polizeibegleitung
"Friede, Freiheit, keine Diktatur." Das ist das Lieblings-Mantra der Spaziergänger. Sollten sich die Demonstranten tatsächlich im Widerstand gegen ein Regime wähnen, so sei angemerkt: Es dürfte sich um die erste Diktatur in der Geschichte der Menschheit handeln, in der die Sicherheitskräfte des Regimes den Verkehr regeln, damit die Widerstandskämpfer unbehelligt durch die Stadt ziehen können. So nett kann Diktatur sein!

"Wir sind das Volk." In Wien demonstrierten am vergangenen Samstag 50.000 Leute und am Sonntag in Steyr 1.500 Leute gegen Impfpflicht, Maßnahmen und die Regierung. Das sind beachtliche Zahlen, denen stehen freilich noch imposantere Zahlen gegenüber: Im Land demonstrieren derzeit - und das täglich - um die 100.000 Bürger, dass sie vernünftig sind und lassen sich gegen Covid-19 immunisieren. Das Volk spaziert derzeit nicht wütend durch Innenstädte, das Volk spaziert entspannt durch die Impfstraßen. Das Volk wachelt nicht mit einer Österreich-Fahne, das Volk winkt mit dem Impfzertifikat.

"Wir haben gewonnen." Auch das wird gerne skandiert, wir rätseln nur noch über den Gewinn. Haben die Schreier der Parole ein paar Packungen Ivermectin gewonnen, persönlich signiert vom Wurmbannführer Dr. med. Herbert K.? Hier sind noch viele Fragen offen.

Nein, das ist keine Diskriminierung
"Diskriminierung." Auch die Diskriminierung Ungeimpfter wird laufend beschworen. Hier handelt es sich um ein Missverständnis. Die Impfung steht allen Bürgern offen, weder Nationalität, Religion, Status, Ausbildung, Geschlecht, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung werden in irgendeiner Weise thematisiert in der Impfstraße. Kostenfrei ist der Pieks obendrein. Wer sich nicht impfen lässt, wird nicht diskriminiert. Er oder sie ist lediglich nicht geimpft. Das ist ein wenig so wie mit dem Straßenverkehr und dem Alkohol. Man darf sich einen umhängen, wann immer man will. Aber man darf nicht mit dem Auto fahren, wenn man betrunken ist. Das ist keine Diskriminierung von "selbstbestimmten" Autofahrern. Es gibt aus guten Gründen keinen "individuellen Alkoholentscheid", wenn man auf öffentlichen Straßen ein Auto lenken will. Impfgegner beharren auf einem "individuellen Impfentscheid". Die eigene Medizin schmeckt halt bitter, da müssen die Impfverweigerer durch.

Wir sind nicht so laut, aber wir sind mehr
Liebe Spaziergänger, wir haben es derzeit alle nicht leicht. Im Gegensatz zu Euch machen wir es uns auch nicht leicht. Wir schlucken Maßnahmen, die offenbar derzeit nötig sind. Das tun wir nicht, weil wir willfährige Untertanen einer Regierung sind oder Schlafschafe, sondern weil wir Verantwortung haben - gegenüber Schwachen und Kranken zum Beispiel. Ihr hängt dubiosen Fernsehsendern und Zeitungen an den Lippen, die Euch erzählen, was ihr hören wollt. Wir hören den Ärzten und den Pflegern zu und erfahren das, was ihr partout nicht hören wollt. Das ist auch verständlich, die Wahrheit kann einem nämlich durchaus Angst einjagen. Ihr nehmt die Straße in Beschlag als Impfgegner. Wir machen Euch ganz unromantisch darauf aufmerksam, dass viele von Euch auch die Intensivbetten in Beschlag nehmen.

Wir sind nicht so laut wie Ihr. Aber wir sind viel mehr als Ihr. Wir sind nicht laut, weil ein Virus sich nicht mit Lautstärke bekämpfen lässt. Wir beobachten euer ungelenkes Engagement für die vermeintliche Freiheit, die uns letztlich in einen Lockdown nach dem anderen zwingt, mit viel Geduld. Wir laden Euch trotzdem ein, nachzudenken, wie wir gemeinsam aus dem Schlamassel kommen. Wir versprechen Euch auch etwas: Die Impfung tut nicht weh. Weh tut sie nur jenen, denen der gegenwärtige Zustand gefällt.

Ein Gastkommentar von Christian Kreil.

Christian Kreil befasst sich seit Jahren mit Verschwörungsplaudereien und Pseudomedizin. In seinem eben erschienen Buch „Fakemedizin“ thematisiert er unter anderem die Verharmlosung von Covid-19, Impfgegner und haltlose Heilversprechen von Ärzten und Scharlatanen.

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