GASTKOMMENTAR. Der Tunnel unter dem Vorwärts-Platz, ich möchte ihn nicht missen. Die Märzenkeller-Umfahrung, sie tut Steyr gut. Ohne Nordspange wäre auf der Reederbrücke und auf dem Tabor täglich der Teufel los ...

Wer in der Sierninger Straße wohnt, ist seit Jahrzehnten glücklich über den Asphalthighway Seifentruhe, auch wenn die Straße keine Augenweide ist. Ohne sie wäre die Sierninger Straße kein begehrtes Wohngebiet. Alle diese Straßen machen Sinn, auch wenn sie den Verkehr in seiner Gesamtheit nicht verringert haben. Das wird auch die Westspange nicht, sollte sie gebaut werden, da muss man den Gegnern vorab Recht geben. Mit einer wesentlichen Einschränkung: Die Westspange wäre eine Gelegenheit, den Verkehr in Steyr in neue Bahnen zu lenken. Versuchen wir, die Sache nüchtern zu betrachten:

1) Die Westspange wird Verkehr im regionalen Maßstab anlocken. Wer von Enns nach Kirchdorf mit dem LKW unterwegs ist, wird das Angebot vermutlich annehmen, weil die Strecke dadurch kürzer ist. Unter dem Strich bedeutet das vermutlich zwar nominell mehr Verkehr in Steyrs Peripherie (und in Leonstein und anderen Orten), aber in Summe einen geringeren CO2-Ausstoß in Oberösterreich. Gehen wir davon aus, dass die Lärmbelästigung für die Anrainer der Westspange durch bauliche Maßnahmen minimiert wird, bleibt in der Sache in ökologischer Sicht zumindest eine schwarze Null. Vorausgesetzt: man denkt über Steyr hinaus.

2) Steyr ist eine Industriestadt und sie wird auch in Zukunft auf Zulieferer angewiesen sein, die Straßen nutzen müssen. Es ist gut, wenn sie eine neue, moderne Straße in der Peripherie nutzen. Die Alternativen sind: Die Zulieferer fahren den Steyrern - zum Beispiel auf der Seifentruhe - wie bisher um die Ohren oder sie fahren eben nicht mehr nach Steyr. Darüber freuten sich Standorte mit adäquaten Verkehrsanbindungen. Dann ist Steyr auch verkehrsberuhigt, aber vermutlich aus Gründen, die uns nicht so gefallen. Gegen eine romantisch verklärte Deiindustrialisierung Steyrs möchte ich mich verwehren.

3) Die Westspange kann als Chance genutzt werden, Steyr einfach ruhiger zu machen. Gibt es eine Westspange, gibt es kaum einen Grund mehr, mit einem Auto oder einem LKW über die Seifentruhe oder beim Krankenhaus vorbei zu brettern, andersrum gesagt: Wenn dort eine 30-er Beschränkung gilt, wird es merkbar ruhiger werden in der Stadt. Was spricht noch gegen eine (fast durchgängige) 30-er Zone abseits des Hauptverkehrsrings? Das wäre eine Chance für Radfahrer, E-Bikes Scooter und Segways. Diese Verkehrsteilnehmer müssten sich dann nicht mehr die knappen Flächen mit den Fußgängern teilen, zu denen sie aus verständlichen Gründen (Verkehr!) gedrängt werden. Sie könnten dann im innerstädtischen Fließverkehr mit knapp 30 km/h mitfließen, ohne Angst haben zu müssen, unter die Räder zu kommen. Der ob der Topografie der Stadt ohnehin schwierige Ausbau der Radwege, er würde sich damit weitgehend erübrigen. Wer kann mir zum Beispiel erklären, warum es in der Dukartstraße und in der Pachergasse (trotz bestehender Umfahrung) keine 30-er Beschränkung gibt? Man genießt dort mittlerweile oberhalb der Hanggarage in traumhafter Lage in der Pop-up Bar den Sundowner, aber die Autos brettern in einem Meter Abstand vorbei, als ginge es um ein Qualifiying für den großen Preis vom Kollertor.

4) Verkehr und seine Ursachen müssen weiter gedacht werden. Vor kurzem wurde das Projekt eines Hochhauses am Tabor verworfen. Das passt nicht zu Steyr, hieß es sinngemäß. Meine Antwort darauf: Wenn das nicht passt, dann müssen wir eben den Dreck von den Autos aus dem Speckgürtel fressen. Ein Hochhaus hätte bedeutet: hochwertiger Wohnraum mit geringstem Bodenverbrauch. Wer dort wohnte, würde garantiert entspannt mit dem neuen Lift in die Stadt fahren. Nun werden sich die potenziellen Bewohner des Hochhauses ein nettes Häuschen im Speckgürtel gönnen. Und von dort kommen sie dann - notgedrungen - mit dem Auto nach Steyr. Zum Einkaufen, zum Schwimmen, zum Arzt, zur Schule, zur Arbeit und zum Chillen. Mit dem Auto und aus Gründen: Weil es in der Saaß, in Dietach und St. Ulrich zwar jede Menge Bergblicke, aber keine ausreichende Infrastruktur gibt. Die besorgen und bezahlen wir als Bürger der Stadt, und das mehrfach.

5) Die Stadt und die Bewohner müssen sich Gedanken machen. Wie lenken wir den Verkehr, der nötig ist, um die Industriestadt weiterhin florieren zu lassen? Wie bewegen wir uns smart in unserer eigenen Stadt? Wer darf uns, unter welchen Bedingungen und zu welchem Preis, um die Ohren fahren, für seinen persönlichen Komfort? Die Westspange ist nur ein Aspekt der Debatte. Sie ist weder Teufelszeug noch Allheilmittel. Was zählt ist das, was wir daraus machen.

Mag. Christian Kreil

 

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