STEYR. Die Preise an der Tankstelle sind ebenso im Steigflug wie die für Flugtickets, die europäische Autoindustrie hat mit wenigen Ausnahmen die Entwicklung hin zur E-Mobilität verschlafen, und der Strompreis konnte uns in den letzten Jahren auch kein Lächeln auf die Lippen zaubern. Energie wird immer mehr zum zentralen Thema unserer Zeit – politisch, wirtschaftlich und ganz konkret im Alltag der Steyrerinnen und Steyrer.
Fossile Energieträger geraten immer stärker unter Druck, Versorgungssicherheit und Preisexplosionen verunsichern Haushalte wie Unternehmen. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Unabhängigkeit: Energie möglichst vor Ort erzeugen, intelligent nutzen und speichern.
Als Lebensraum und Industriestandort ist Steyr dabei keine Zuschauerin, sondern mittendrin. Die Stadt selbst will, was den Energiebedarf der städtischen Betriebe betrifft, bis 2040 klimaneutral werden und setzt dabei auf weniger Verbrauch und erneuerbare Energiequellen.
In der Praxis umgesetzt werden diese massiven Umwälzungen von innovativen Betrieben vor unserer Haustüre. Der Energie- und Gebäudetechnik-Spezialist Mitterhuemer ist seit 1963 „in Steyr dahoam“. In sechs Jahrzehnten wandelte sich Mitterhuemer vom einfachen Elektrobetrieb zu einem hochmodernen Innovationsmotor, der heute die Energiewende in der Region umsetzt.
Mit Geschäftsführer Sven Mitterhuemer sprechen wir über die Zukunft fossiler Energieträger, die Rolle von Speichertechnologien, Atomkraft, Smart Homes, die Gefahr von Blackouts und darüber, wie Steyr und seine Umgebung energieautarker werden können.
e-steyr: Wenn wir über Energie reden, geht es am Ende um Preise, Versorgungssicherheit und unseren Verbrauch. Haben fossile Energieträger noch eine Zukunft?
Sven Mitterhuemer: "Da gibt es zwei Sichtweisen: die politische und die physikalisch machbare. Heute wollen viele am liebsten ihre Energie im eigenen Garten oder vor der eigenen Haustüre erzeugen, umwandeln und verbrauchen – was auch politisch unterstützt wird. Gleichzeitig müssen wir uns ehrlich fragen: Was ist bei uns in Österreich und Oberösterreich technisch und wirtschaftlich überhaupt möglich?
Wir haben in Österreich eine sehr gute Infrastruktur bei Wasserkraft, bei Wind und vor allem bei Solarenergie. Diese nachhaltigen Energieversorgungsmöglichkeiten werden sicher einen konstant höheren Stellenwert haben – einfach, weil wir sie im Land selbst in der Hand haben."
e-steyr: Die Wasserkraft ist in Österreich weitgehend ausgereizt. Die Stadt Steyr etwa plant zusätzliche Flusskraftwerke zur Versorgung der städtischen Infrastruktur. Aber problemlos ist auch Wasserkraft nicht – Raumeingriffe, Ökologie, Fischwanderung …
Sven Mitterhuemer: "Ausnahmslos jede Form der Energieerzeugung, die wir heute betreiben, hat Nebenwirkungen, das ist nicht anders machbar. Gleichzeitig wollen alle mobil sein und hohen Komfort haben. Der Verbrauch wird nicht generell sinken, er wird tendenziell weiter steigen, weil Komfort das Letzte ist, was die Menschheit freiwillig hergibt. Interessanterweise sitzen gerade die größten Befürworter von Klimaschutzmaßnahmen selbst gerne im Flieger nach Bali."
e-steyr: Bleiben wir beim Fliegen – Stand heute lässt sich der Luftverkehr im großen Maßstab nicht elektrifizieren.
Sven Mitterhuemer: "Noch nicht, würde ich sagen. Es gibt bereits Konzepte, wie elektrische Flugzeuge funktionieren können. Das Problem ist nicht der elektrische Antrieb – der ist in Wahrheit leichter als ein Verbrennungsmotor. Die Herausforderung ist immer: Wie speichere und wie transportiere ich die benötigte Energiemenge?
Elektrische Antriebe sind effizienter, wartungsfreundlicher und weniger komplex als Verbrennungsmotor oder Turbine. Was man nicht unterschätzen darf, ist die Geschwindigkeit, mit der weltweit an Akku- und Speichertechnologien geforscht und entwickelt wird. Wenn man sich Energiedichten, Materialien und neue Technologien anschaut, tut sich enorm viel. Ich gehe davon aus, dass wir elektrische Flugzeuge in absehbarer Zeit sehen werden."
"Es gibt auch sehr erfolgreiche Modelle im Bergbau, etwa Muldenkipper, die bergab durch Rekuperation so viel Energie erzeugen, dass sie mit derselben Energiemenge wieder hinauffahren – deutlich effizienter als dieselbetriebene Varianten. Auch in der Schifffahrt gibt es bereits viele Elektroantriebe: Fähren, Kurzstreckenverbindungen, die rein mit Akkus fahren. Da wird sich weiter viel tun!"
"Und: Wir sind mittendrin in der Transformation der öffentlichen Mobilität. In Steyr etwa sind Elektrobusse erfolgreich im Einsatz und werden ausgebaut. Man schafft gleichzeitig mehr Komfort für Fahrgäste, Zufriedenheit bei den Busfahrerinnen und Busfahrern – und wer am Gehsteig vorbeigeht, merkt: Es ist nicht laut, es stinkt nicht. Das hat viele Vorteile, und die Menschen interessieren sich stark dafür!"
e-steyr: Wenn wir die aktuelle weltpolitische Lage betrachten – Stichwort Straße von Hormus, Konflikte, boykottierte Raffinerien – verstärkt das den Wunsch, aus der Abhängigkeit von fossilen Energien rauszukommen?
Sven Mitterhuemer: "Wir haben uns jahrzehntelang darauf verlassen, dass die Preise für Gas, Erdöl & Co. relativ stabil sind. Das war bequem. Man hat importiert, genutzt, nicht groß hinterfragt – woher das Gas kommt, welche Abhängigkeiten dahinterstecken.
Jetzt sehen wir, dass weltweit Energieinfrastruktur als verwundbare Achse angegriffen wird – in der Ostsee, in Russland, in Amerika, im Nahen Osten. Gleichzeitig verdienen manche sehr gut an den Preisschwankungen an den Börsen. Am Ende der Nahrungskette stehen wir: Konsumentinnen und Konsumenten, Unternehmen, die auf die Tankstellenpreise schauen und nicht wissen, was nächste Woche ist.
Ich sehe aber, dass sich das Mindset bei uns im Land grundsätzlich geändert hat. Die Bevölkerung will autark werden, weg von Abhängigkeiten. Das merken wir stark bei unseren Kundengesprächen. Dieses „Abzwicken vom Energieversorgungskabel“ ist ein Bild, das immer wieder auftaucht. Realistisch ist das heute meist nur bei echten Inselanlagen, etwa auf Almhütten. Aber die Sehnsucht ist da: Im besten Fall habe ich im eigenen Garten, am eigenen Dach meine Heizenergie und meinen Strom – für E‑Bike, Auto und Wärmepumpe – zumindest zu einem gewissen Grad selbst in der Hand. Das hat einen großen Reiz."
e-steyr: Ein entscheidender Schlüssel ist das Speichern von Energie. Werden wir dieses Thema – Stichwort "Dunkelflaute" – in den Griff bekommen?
Sven Mitterhuemer: "Ja, davon bin ich überzeugt. Wir sind preislich inzwischen an einem Punkt, wo viele Kundinnen und Kunden nicht mehr nur eine beinhart betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen. Ein großer Treiber ist Emotion: Man kauft sich mit einem Speicher auch ein Gefühl von Sicherheit, Autarkie. Da geht es auch um Ängste.
Speicher spielen eine riesige Rolle – im großen Stil genauso wie dezentral im Einfamilienhaus. Wir haben Erzeugungsspitzen und -täler, Dunkelflauten ohne Sonne und Wind, besonders im Winter und in der Nacht. Um diese Schwankungen auszugleichen und das Netz stabil zu halten, brauchen wir Speicher."
e-steyr.com: Auf Netzebene sind Pumpspeicherkraftwerke die „klassischen“ Speicher. Immer öfter ist aber von großen Batteriespeichern die Rede, die sehr schnell reagieren können. Kommt da viel auf uns zu?
Sven Mitterhuemer: "Absolut. Wir sind selbst bereits in einigen Projekten im Megawattbereich involviert, wo es um große Speicherlösungen geht. Es entstehen neue Geschäftsmodelle, die diese Entwicklung massiv befeuern, weil Speicher in vielen Fällen die günstigere und schnellere Alternative zu einem teuren Netzausbau sind.
Das Netz für alle Eventualitäten überzudimensionieren ist weder intelligent noch finanzierbar – und vor allem zu langsam. Der Markt ist bei Lösungen viel schneller als jede politische Diskussion. Die E‑Autos werden kommen, Förderungen hin oder her. Wo am Markt Probleme entstehen, entstehen auch Anbieter mit Lösungen. Großspeicher im gewerblichen und industriellen Bereich werden deutlich zunehmen. Und natürlich bleiben Pumpspeicherkraftwerke weiterhin ein wichtiger Baustein."
e-steyr: Die Atomenergie erlebt in Europa gerade eine Renaissance. Die Präsidentin der Europäischen Kommision, Ursula von der Leyen, bezeichnete unlängst den deutschen Atomausstieg als Fehler, für Frankreich war der Ausstieg ohnehin nie ein ernsthaftes Thema. Kann Kernenergie ein Energieträger der Zukunft sein?
Sven Mitterhuemer: "Man kann den Ausstieg als Fehler oder als richtigen Schritt sehen, je nach Perspektive. Die Intention, weg von der Atomkraft zu kommen, war an sich nicht schlecht. Spannend – und politisch problematisch – wird es immer dann, wenn man von etwas wegwill, bevor klar ist, wohin man eigentlich will und wie der Weg dorthin aussieht. Das sehen wir in der EU bei einigen Themen.
Atomenergie ist eine Technologie, die funktioniert, deren Risiken man kennt – und von der man auch sehr genau wusste, warum man sie eigentlich nicht möchte. Gleichzeitig hat man Alternativen lange nicht ausreichend mitgedacht. Am Ende wird es so sein: Alte und neue Systeme werden eine Zeit lang koexistieren. Der Umbau passiert schrittweise, nicht über Nacht.
Wichtig ist auch der Preis: Die günstigste Kilowattstunde kommt aktuell aus der Solarenergie. Auch die Atomstromkilowattstunde ist – wenn man alle Kosten ehrlich einrechnet – teurer als Solarstrom. Nimmt man Bau, Rückbau, Endlagerung und das gesellschaftliche Erbe mit in die Kalkulation, gehört Atomstrom zu den teuersten Energieträgern, da sind sich fast alle Expertinnen und Experten einig."
e-steyr: Solarenergie hat also einen klaren Vorteil?
Sven Mitterhuemer: "Die Solarenergie hat riesiges Potenzial. Sie ist aber nicht die alleinige Heillösung für alle Anwendungen. Dennoch: Die Sonneneinstrahlung auf die Erde ist so groß und wertvoll, dass es eigentlich lächerlich wäre, sie nicht umfassend zu nutzen. Im Kern ist Sonnenenergie die einzige wirklich „außeninduzierte“ Energiequelle, die wir haben – alles andere sind letztlich Umwandlungen mit mehr Nebenwirkungen."
e-steyr: Ein anderer Hebel ist das Thema Energieverbrauch und „Smart Home“. Mitterhuemer hat sich in den letzten Jahren stark in Richtung Smart Home und Smart Building entwickelt. Was kann man sich darunter im Kontext der Energiewende vorstellen?
Sven Mitterhuemer: "Smart Home wurde lange mit Spielerei verwechselt: „Ich kann alles mit dem Handy steuern.“ Das ist aber nur der „billige Nebeneffekt“. Der Kern – so wie wir ihn sehen – ist ein anderer: die Optimierung der Energieeffizienz. Es geht darum, Steuerung so zu nutzen, dass Energie im Hintergrund intelligent gemanagt wird – ohne Komfortverlust und ohne dass der Nutzer ständig daran denken muss.
Heute sprechen wir viel mehr von Smart Buildings, weil es immer stärker um großvolumige Wohnbauten, Gewerbeobjekte und öffentliche Gebäude geht. Am Ende wollen wir mit intelligenter Regelungstechnik Heizungen, Speicher, E‑Mobilität, Beleuchtung usw. so steuern, dass Energiekosten, Netzbelastung und CO₂‑Ausstoß sinken."
e-steyr: Also weg davon, dass der Mensch ständig sein Verhalten anpassen muss – hin zu Systemen, die das automatisch machen?
Sven Mitterhuemer: "Genau. Und ich denke, wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass netzdienliches Verhalten belohnt und netzschädliches Verhalten eher bestraft werden wird. Wenn ich zu Zeiten mit wenig erneuerbarer und viel fossiler Energie hohe Lastspitzen erzeuge, ist das negativ. Wenn ich an einem sonnigen Sonntagmittag, wo Gewerbe und Verbrauch generell niedrig sind, gezielt Verbraucher aktiviere – etwa Wärmepumpen, Batteriespeicher, E‑Autos –, stabilisiere ich das Netz.
Variable Stromtarife, inklusive Phasen mit sehr niedrigen oder sogar negativen Strompreisen, sind ein Instrument dafür. Wer in solchen Zeiten Energie bezieht oder speichert, hilft bei der Netzstabilisierung. Wir müssen begreifen: Das Stromnetz ist eine gemeinsame Sache. Wir sitzen alle im selben Boot, was Stabilität und Blackout‑Gefahr betrifft."
e-steyr: Stichwort Blackout: Sind großflächige Stromausfälle für realistisch?
Sven Mitterhuemer: "Niemand kann seriös eine Garantie geben, dass es nie passiert. Es wird intensiv daran gearbeitet, das zu verhindern – Regelsysteme, Netzführung, Reservekraftwerke, Speicher. Aber kleinere und größere regionale Ereignisse hat es bereits gegeben, auch in Europa. Davor ist keiner vollständig gefeit.
Entscheidend ist, dass die Regelungssysteme schneller reagieren als die Veränderungen auf der Verbraucherseite: plötzliche Ein- und Ausschaltvorgänge, hohe Einspeiseleistungen durch Erneuerbare, Wegfall großer Kraftwerke. Es wird an vielen Stellen daran gearbeitet, die Erneuerbaren „regelbarer“ zu machen, Einspeiselimits zu setzen und Speicher zu integrieren. Panikmache bringt nichts. Aber wir sollten verstehen: Strom kommt nicht einfach „aus der Steckdose“, dahinter steckt ein sehr sensibles System."
e-steyr: Wenn wir zum Abschluss noch einmal den Energieverbrauch in den Mittelpunkt stellen: Wie wichtig wird Energiesparen künftig sein?
Sven Mitterhuemer: "Sehr wichtig – aber nicht im Sinn von Verzichtsparolen, die am falschen Ende ansetzen. Ich halte wenig von politischen Ansagen wie „Drehen wir alle die Heizung pauschal um zwei Grad zurück“. Da steckt oft viel physikalischer Unsinn und Symbolpolitik dahinter.
Entscheidend ist unser aller Bewusstsein: Wo steckt wirklich Energie drin? Wo verschwende ich sie unbewusst? Viele Menschen sparen zum Beispiel beim Autofahren drei Kilometer ein, haben aber den ganzen Winter über das Fenster gekippt – was bei der Heizenergie viel mehr ausmacht.
Es geht um Aufklärungsarbeit und intelligente Lösungen: Gebäude besser regeln, Abwärme nutzen, Speicher richtig dimensionieren, Verbraucher zeitlich verschieben, ohne Komfort einzubüßen. Und es geht auch um gesetzliche Rahmenbedingungen, die smarte Lösungen fördern oder in gewissen Bereichen einfach vorschreiben. Wenn wir wirklich weniger Energie verbrauchen wollen, müssen wir smarte Systeme und Bewusstseinsbildung zusammenbringen."