• BEZIRK: KRONSTORF, LINZ-LAND
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Der Bau des Google-KI-Rechenzentrums in Kronstorf zählt zu den größten Bauvorhaben in Österreich, und in Kronstorf wächst der Widerstand. Unser Leitartikel dient als Auftakt einer Serie: Er bündelt die wichtigsten offenen Fragen rund um Wasserverbrauch, Strombedarf, Abwärme und Bodenversiegelung. In den Folgebeiträgen beleuchten wir die Details zu diesen Fragen sowie zur Verantwortung von Politik und Behörden und stellen die Frage, wie viel digitale Infrastruktur die Region ökologisch verkraften kann.

Ein Beitrag von Phil Gartlehner und Peter Freyka.

KRONSTORF / LINZ-LAND / OÖ. 5,55 Millionen Kubikmeter Wasser und bis zu 3,5 Terawattstunden Strom pro Jahr: Das geplante Google KI-Rechenzentrum in Kronstorf spielt beim Ressourcenverbrauch in der Liga großer Industrieanlagen – bei deutlich weniger Arbeitsplätzen vor Ort. Während auf den ehemaligen Feldern zwischen B309 und Enns bereits gebaut wird, wachsen in der Region die Zweifel: Was bedeutet das Projekt für Wasser, Energie, Boden und Klima an der Enns? Und wer entscheidet, wie viel digitale Infrastruktur eine Region ökologisch verträgt?

Digitaler Großgrundbesitzer im Ennstal
Wo einst die Rudolfsbahn Eisen und Stahl zwischen Erzberg, Steyr und Linz transportierte, entsteht ein Knotenpunkt der globalen Datenströme. Eingezwängt zwischen B309, fruchtbaren Ackerflächen, der Enns und der alten Bahntrasse wächst das erste Google-Rechenzentrum Österreichs in die Höhe.

Statt Hochöfen und tausenden Arbeitsplätzen eines regionalen Industriekomplexes zieht ein globaler Technologiekonzern ein – ein „digitaler Großgrundbesitzer“ in einer Art Technofeudalismus: Die Machtverschiebung läuft nicht mehr über Landkarten und Grundbücher, sondern über Rechenleistung, Algorithmen und Datennetze. Die Grundfrage ist aber die gleiche wie zu Zeiten der industriellen Revolution: Wer bekommt Zugang zu knappen Ressourcen – und wer trägt die ökologischen Lasten?

Im Fall Kronstorf geht es vor allem um drei große Brocken: Wasser, Energie und Abwärme – ergänzt um den Konflikt um hochwertigen Boden. Um genau zu sein: um das beste und ertragreichste Ackerland Österreichs. 

Wasser: Kühlung mit "Uferfiltrat" – Risiko für Grundwasserkörper und Fluss?
Herzstück der Kühlung ist Wasser aus dem Uferbereich der Enns, sogenanntes "Uferfiltrat". Bis zu 202,78 Liter pro Sekunde dürfen laut Bescheid entnommen werden, das sind im Vollausbau rund 5,55 Millionen Kubikmeter im Jahr (5,55 Milliarden Liter). Rund 91 Prozent gelten als Uferfiltrat der Enns, der Rest – etwa 500.000 Kubikmeter – als Grundwasser.

Offen ist, wie sich diese Dauerentnahme auf Hausbrunnen, Grundwasserspiegel und die ökologische Situation der Enns auswirkt – insbesondere in Trocken- und Hitzesommern. Variantenrechnungen gehen bereits heute von sinkenden Grundwasserspiegeln im Umfeld aus. Ein weiteres Thema: Chemikalien im Kühlkreislauf und die Erwärmung der Enns durch das rückgeleitete Wasser.

Energie: 3,5 Terawattstunden Strom – wer hat Vorrang beim „grünen Stromkuchen“?
Stromseitig spielt Googels "Hyperscaler" (sehr groß dimensioniertes Rechtzentrum, Anm. Red.) in der Liga eines ganzen Bundeslandes: Bis zu 150 MVA (150 Millionen Voltampere) Leistungsreserve sind im Netz vorgesehen, diskutiert wird ein Jahresverbrauch von rund 3,5 Terawattstunden. Das entspräche ungefähr dem 1,4‑Fachen des Jahresstromverbrauchs aller Haushalte in Oberösterreich und rund 5–6 Prozent des österreichischen Stromverbrauchs.

Google betont, das Rechenzentrum mit erneuerbaren Energien versorgen zu wollen. Kritiker:innen warnen vor „Atomstrom durch die Hintertür“ über den europäischen Strommarkt und stellen die Frage: Wer soll bei knappen erneuerbaren Ressourcen Vorrang haben – Industrie, die CO₂-intensive Prozesse dekarbonisiert, Haushalte oder KI-Rechenzentren?

Abwärme: Heizkraftwerk ohne Netz?
Ein Rechenzentrum dieser Größenordnung wandelt den Großteil der aufgenommenen elektrischen Energie in Wärme um. In Kronstorf reden wir vom Potenzial eines 700-Megawatt-Heizkraftwerks – allerdings ohne Einspeisung von Strom ins Netz, sondern als reiner Verbraucher.

Offiziell verweisen Google und das Land Oberösterreich auf geplante Abwärmenutzung: Das auf bis zu 30 Grad erwärmte Kühlwasser könnte über Wärmepumpen in Fernwärmenetze eingespeist werden. Doch ein überregionales Hauptleitungsnetz, das diese Abwärme zu Haushalten und Betrieben transportiert, existiert bislang nicht. Die Bürger:inneninitiative spricht von einem „Abwärme-Bluff“, solange es weder Leitungen noch verbindliche Abnahmevereinbarungen gibt.

Boden: Digitaler Fortschritt auf bestem Ackerland
Rund 460.000 Quadratmeter sind im Endausbau für das Rechenzentrum und seine Infrastruktur vorgesehen, im ersten Abschnitt rund 44.000 Quadratmeter. Kritiker:innen betonen, dass hier erstklassiges Ackerland verschwindet, mit Erträgen von bis zu sechs Tonnen Getreide pro Hektar.

Kronstorf steht damit exemplarisch für einen breiteren Konflikt: Wie viel hochwertiger Boden soll in Oberösterreich noch für Gewerbeparks, Logistikzentren und Rechenzentren verbaut werden? Und welche Rolle spielt regionale Lebensmittelproduktion im Vergleich zu globalen Digitaldiensten?

Offene Fragen – und die Verantwortung der Politik
Google präsentiert sein KI-Rechenzentrum als digitalen Meilenstein und „bisher nachhaltigstes Google-Rechenzentrum weltweit“ – mit Dachbegrünung, Photovoltaikflächen und einem ökologischen Enns-Fonds. Für Kronstorf und die Region bleiben dennoch entscheidende Fragen:

  • Wasser:
    Wie werden Entnahmemengen, Brunnenpegel und Chemikalien im Kühlwasser laufend überwacht? Gibt es unabhängige, öffentlich einsehbare Messdaten – und welche Absicherung haben private Hausbrunnen und die ökologische Funktionsfähigkeit der Enns langfristig?

  • Energie:
    Woher kommen die 3,5 Terawattstunden Strom im Vollausbau realistisch, wie verteilen sich Kosten und Risiken des Netzausbaus – und welche Priorität hat ein KI-Rechenzentrum gegenüber Haushalten und Industrie beim Zugang zu knappen erneuerbaren Ressourcen?

  • Abwärme:
    Wird die entstehende Wärme zeitnah in ein regionales oder überregionales Wärmenetz integriert – oder bleibt sie großteils ungenutzt und belastet im Ergebnis Luft-, Gewässer- und Lärmsituation?

  • Boden:
    Wie fügt sich der dauerhafte Verlust von hochwertigem Ackerland in die Ziele des Landes zur Reduktion des Bodenverbrauchs und zur Sicherung regionaler Ernährung ein?

Zwischen digitaler Infrastruktur und ökologischen Belastungsgrenzen wird Kronstorf damit zum Schauplatz eines grundlegenden Konflikts: Wie viel „Technofeudalismus“ verträgt eine Region, deren Lebensgrundlagen auf Wasser, Boden und einem stabilen Klima beruhen?

Antworten darauf werden nicht nur Konzerne und Fachgutachten liefern müssen, sondern vor allem die Politik – von der Gemeinde bis zum Land. Sie hat darüber zu entscheiden, wie der digitale Fortschritt mit dem Schutz der öffentlichen Güter Wasser, Boden, Energie und Gesundheit in Einklang gebracht werden soll. Interessant ist auch die Frage, warum ein derartiges Projekt ohne Umweltverträglichkeitsprüfung umgesetzt wird. 

Unten: In Kronstorf wächste der Widerstand. Foto © privat

 

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